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zur ärztlichen Aufklärungspflicht

Pflicht des Arztes zur Aufklärung über verschiedene Behandlungsmethoden

In einem medizinrechtlichen Fall ging es um die Frage, ob und inwieweit ein Patient über Alternativbehandlungen anlässlich der Entfernung einer dringend krebsverdächtigen Hautläsion aufgeklärt werden muss. Hintergrund des bis vor dem Oberlandesgericht (OLG) Dresden geführten Rechtsstreits war folgender Sachverhalt: der Kläger litt unter anderem an myeloischer Leukämie und befand sich bereits einige Jahre in Behandlung bei dem beklagten Klinikum. Anfang 2015 zeigte sich im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule ein rasch wachsender, blutiger Tumor der Haut. Nach einer bei der Beklagten durchgeführten Probeexzision konnte im histologischen Zwischenbefund ein Plattenepithelkarzinom (bösartiges Karzinom) nicht sicher ausgeschlossen werden.

Dem Kläger wurde deshalb die Exzision (= vollständige operative Entfernung) des Tumors empfohlen. Im Zuge seiner stationären Aufnahme fand ein Aufklärungsgespräch statt, dessen Inhalt im Prozess streitig war. Daraufhin wurde eine en-bloc- Exzision durchgeführt. Die histologische Untersuchung des operativ entfernten Hautbereichs (Hautexzitat) ergab indes keinen Anhalt für Malignität bzw. Bösartigkeit, sondern lediglich den Befund einer Verruca vulgaris (= Warze). Der Kläger begehrte Schadensersatz sowie Schmerzensgeld wegen fehlerhafter ärztlicher Behandlung.

Dies begründete er damit, dass der Eingriff nicht indiziert gewesen sei, jedenfalls nicht dringend. Denn die Operation sei (was den Tatsachen entsprach) noch vor dem endgültigen Ergebnis des histologischen Befundes zur Probeexzision durchgeführt worden. In jedem Fall hätte unmittelbar vor der Operation oder intraoperativ noch eine Beprobung stattfinden müssen. Da dies unterblieben sei, wäre die großflächige komplette Exzision des Tumors fehlerhaft gewesen. Das in letzter Instanz entscheidende OLG Dresden stimmte dem jedoch nicht zu und wies die Berufung des Klägers gegen das erstinstanzliche Urteil des Landgerichts Leipzig zurück. Hierfür waren folgende Erwägungen maßgeblich:

1.  Ein Sachverständiger hatte die Indikation für den Eingriff zur Überzeugung des Gerichts bejaht, da die Probebiopsie ein Plattenepithelkarzinom nicht sicher habe ausschließen können. Weitere Probebiopsien, wie vom Kläger gefordert, waren nach dem Sachverständigen nicht erforderlich. Denn vorrangig für die Empfehlung der Operation war der klinische Eindruck gewesen, dabei vor allem Größe und Wachstumsdynamik des Tumors. Zudem hätten auch weitere Probebiopsien keinen sicheren Aufschluss über die Bös- oder Gutartigkeit des Tumors ergeben, da es zwischen beiden Zuständen fließende Übergänge gebe. Nach einer weiteren Probeexzision hätte deshalb dem Sachverständigen zufolge nicht ausgeschlossen werden können, dass sich direkt in benachbarten Tumoranteilen bereits manifest bösartige Zellverbände gebildet haben, welche dann der Beurteilung entgangen wären.

2.  Infolge der Ausführungen des Sachverständigen kam nach Ansicht des OLG Dresden auch eine Aufklärung über Behandlungsalternativen nicht in Betracht. Eine solche ist nur dann erforderlich, wenn für eine medizinisch sinnvolle und indizierte Therapie mehrere gleichwertige Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, welche jeweils zu unterschiedlichen Belastungen des Patienten führen oder unterschiedliche Risiken und Erfolgschancen mit sich bringen. Dem Sachverständigen zufolge bestanden im vorliegenden Fall aber keine derartigen gleichwertigen Behandlungsmöglichkeiten.

Zwar hätte es theoretisch mehrere Alternativen zur Entfernung der Hautläsion gegeben - wie etwa eine Bestrahlung oder eine Chemotherapie - diese wären jedoch nicht leitliniengerecht gewesen und hätten dem Patienten deshalb auch nicht empfohlen werden dürfen. Wäre der Tumor gelasert worden, hätte dies dazu geführt, dass die Resektionsränder nicht hätten beurteilt und ein Karzinom nicht hätte ausgeschlossen oder behandelt werden können. Daher ermöglichte in der Situation des Klägers allein die Exzision des gesamten Tumors eine sichere histopathologische Einordnung der krankhaften Veränderung. Schließlich hielt es der Sachverständige - worauf das Gericht seine Entscheidung ebenfalls stützte - auch unter Berücksichtigung des erhöhten Risikos des Klägers, infolge der Sklerotisierung seiner Haut eine Wundheilungsstörung zu entwickeln, nicht für einen Behandlungsfehler, dass an eine Alternative zur operativen Entfernung des Tumors nicht gedacht und hierüber entsprechend nicht aufgeklärt wurde.